Dr.phil. Eva Bartsch

                                

Mai 2022

Armut ist ein Wert

 

Dieser Satz stammt von Ludwig Wittgenstein, der sein ererbtes Vermögen an seine reiche Verwandtschaft verschenkte, um Arme nicht zu korrumpieren. Immer wenn ich diesen Satz in Deutschland zitierte, erntete ich das typische Gelächter von Menschen, die meinen, man erzählt einen richtig guten Witz. 

Jetzt befinde ich mich in einem Land, das als eines der ärmsten  Europas gilt. Im Korruptions-Ranking steht es auch sehr schlecht da, womit der /die Schuldige(n) gleich gefunden sind. Oder etwa nicht? Korruption bezeichnet die Vorteilsnahme und Bereicherung Einzelner auf Kosten anderer. In großem Stil mag sie ein Betrug am Volksvermögen sein. Die Regierungen solcher von Korruption stark betroffenen Länder gelten als schwach und die ausländische Öffentlichkeit proklamiert den Kampf gegen die Korruption als vordringliche Aufgabe, um Entwicklungsbarrieren zu überwinden.

Seitdem ich hier bin, gewinne ich einen anderen Eindruck von den Ursachen. Offenbar liegen sie in Brüssel und sind eine Folge der europäischen Wirtschaftspolitik, die es als sinnvoll ansah, Industrie und heimische Landwirtschaft abzubauen, so dass ein Land, das vor Fruchtbarkeit aus allen Nähten platzt, auf Importe aus weniger begünstigten Gebieten angewiesen ist. Die Preise in den Märkten der Global-Player sind keineswegs angepasst an das niedrige Lohn- und Rentenniveau, sondern so hoch wie im reichen Westen. Die Ware ist minderwertig und weit unter dem Niveau der abgewickelten Landwirtschaft. Da wird also Menschen zum Wohle Anderer, die keineswegs Not leiden, das Mark aus den Knochen gepresst. Eine einzige Ausnahme ist mir bisher begegnet: dm passt seine Preise zum Teil an und hält Produkte aus der hiesigen Produktion von Natur-Kosmetik im Programm.

Einer meiner früheren Chefs, Jahrgang 1913, redete gerne von "osteuropäischen Hilfsvölkern". Auch wenn man diesen Nazi-Jargon heute natürlich nicht mehr gebraucht, hat sich an den Realitäten nichts geändert. Wer heute arm ist, ist selbst schuld und ein gefundenes Fressen. 

Ich frage mich, woher das Bedürfnis kommt, Abhängigkeiten zu schaffen, und denke, dass es um die Übertragung des Lebensrisikos von sich selbst auf Andere geht. Reichtum, der Sicherheit vor Katastrophen verschafft, fusst auf einer möglichst großen Akkumulation von Abhängigen. Warum also nennt man den Westen die "freie Welt"? 

Hier gibt es keinerlei Sicherheiten, das ist eine der Signaturen der Armut. Da muss das Leben selbst helfen. Diese sich selbst überlassenen Menschen werden ins Leben geworfen. Und ich habe den Eindruck, dass in dieser Verbindung die Quelle für die legendäre Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft dieses Volkes liegt. Sozial-Romantik? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Möglicherweise hat Armut einen Wert. Unschätzbar ist er sicherlich, da er mit Geld nicht das geringste zu tun hat. 

 

April 2022

Unterwegs

 

Nach 2000 km Fahrt befinde ich mich in einer anderen Zeitzone. Mein Handy informiert mich über die lokale und die "Heimat-Zeit. Das ist für mich irritierend. Ende letzten Jahres, nachdem ich mein Haus verkauft und geräumt hatte, fragte mich jemand, wo für mich Heimat sei. Ich sagte: Heimat ist in mir selbst. Das stimmt. Und es erleichtert den Umgang mit Anderen. 

 

Heute ist Ostern in Deutschland, aber hier wird es erst nächsten Sonntag gefeiert. Vieles ist anders und vieles kann ich nicht verstehen, da Sprache und Schrift mir noch fremd sind; auch das ist irritierend, vor allem beim Autofahren, wenn die Schilder an mir vorbeiziehen und ich nicht damit fertig werde, sie Buchstabe für Buchstabe zusammenzusetzen. Es hat aber auch einen großen Vorteil: wenn die Welt nicht verstanden werden kann, wird man sie zu erfühlen versuchen. Diese Umstellung vollzog sich automatisch und schon war ich angekommen. Schon bin ich eine Nachbarin unter Nachbarn, die mir zuwinken und mich mit eingelegten Früchten und Wachteleiern versorgen. Und irgendwie "verstehe" ich auch den Wortschwall, von dem diese Begegnungen begleitet sind. Viele sprechen keine Fremdsprache, manche aber haben in Deutschland gearbeitet und ich habe das Glück, ohne das man ja aufgeschmissen ist, dass eine solche Familie unmittelbar benachbart ist.  

 

Ich befinde mich in einem Land, von dem mir ein junges einheimisches Mädchen in bestem Englisch gesagt hat, dass viele Menschen im Westen nicht einmal wüssten, dass es existiert. Möglicherweise hat das mit der Wahrnehmungsebene zu tun. Wer nicht fühlt, blendet aus. Vielleicht ist das nicht die beste Strategie, um Erfahrungen zu machen.

 

 

 

März 2022

Zu neuen Ufern

 

Einer meiner Lehrer an der Universität sagte einmal, niemand würde doch wohl im Ernst glauben, dass vom Theater die Weltrevolution ausginge. Nun, er war ein 68er, die ja bekanntlich an gar nichts glaubten und deshalb sich auch durch nichts gehindert fühlten, zu nehmen, was immer sie haben wollten. Wer braucht schon die Weltrevolution, wenn es ohnehin keine Grenzen gibt und sich wieder das gute alte Recht des "Stärkeren" etabliert?

 

Aber wozu die Anstrengungen des Geistes, wenn es nicht darum geht, die Welt durch den Menschen zu verändern? Was soltle man sonst tun, als alles daran zu setzen, diese Welt zu verbessern? Bloß weil in den letzten einhundert Jahren keine Ideologie gehalten hat, was sie versprach, muss man das Feld nicht den Gewissenlosen überlassen, als wären sie die Hüter der Realität. 

 

Neulich sagte mir eine Ordensschwester, sie wolle angesichts der katastrophalen Lage in der Ukraine ihren "betenden Einsatz" verstärken. Das scheint mir ein sehr mutiger Entschluss zu sein. Warum? Weil er auf das Nichts setzt. 

Ich hab mein Sach auf Nichts gestellt schreibt Angelus Silesius, der im 17. Jahrhundert zur Zeit des dreissigjährigen Krieges zwischen den Fronten umherwanderte. Denn das, was ist, ist nicht akzeptabel. Und nur, weil die Vorstellungen, die der Mensch sich von einer besseren Welt macht, falsch sind, heißt es nicht, dass es keine bessere Welt gibt. 

 

 

Februar 2022

Turbulenzen

 

Vor ein, zwei Wochen las ich die eigenartige Feststellung, dass Kriege selten Mittwochs begonnen werden. Gut, wenn das so ist, muss man sich ja nur noch etwas für die sechs anderen Tage überlegen. Würde es vielleicht helfen, wenn man nun jeden Tag der Woche zum Mittwoch erklärt? Mir fällt auf, dass es ein großes Interesse zu geben scheint, Menschen nicht nur in Angst und Schrecken zu versetzen, sondern auch darin zu halten. Und ich habe den Eindruck, dass es dafür gar keinen besonderen Grund gibt, außer vielleicht den, dass diejenigen, die diese Szenarien entwerfen, ansonsten keinerlei Macht mehr haben. Einer Machtdemonstration geht ein Machtverlust voraus. Die Reiche brechen auseinander, Stürme brausen über uns hinweg, Gefahren lauern seltsam konturlos genau dort, wo das Unbekannte liegt. Also ungefähr da, wo man auf der Landkarte auf Russland und China stösst.

 

Ich hatte als Kind in meinem Zimmer eine Tapete, auf der die Weltkarte Orbis terrarum des Marcus Vipsanius Agrippa zu sehen war. Weite Teile waren als terra incognita bezeichnet. Hat man damals gefürchtet, dass aus diesen weißen Flecken, aus dem ganz und gar Unbekannten, Invasionen fremder Wesen drohen? Wenn es diese Vorstellungen gegeben hat, sind sie nicht aktenkundig geworden. Auch die Phantasien um Invasionen aus dem All sind erst dann entstanden, als man begann, das All zu erforschen. Das Unbekannte, vor dem man sich fürchtet, ist das Bekannte, das man nicht kontrollieren kann. 

 

Dass man es nicht kontrollieren kann, ist ein gutes Zeichen. Es sollte neugierig machen. Aber manche Menschen sind der Meinung, es wäre besser, das Unkontrollierbare zu zerstören, wodurch sie tatsächlich viel anrichten, letztlich jedoch lediglich ihre eigene Schwäche dokumentieren. Ihr Unvermögen, dem Bekannten einen Platz im Unbekannten einzuräumen. Vielleicht ändert sich das ja, es muss sich ändern, weil diese Einstellung mit dem Leben nicht zu vereinbaren ist. 

 

Ende des 19. Jahrhunderts hat Therese von Lisieux für dieses bedrohte Leben ein schönes Bild gefunden: sie hat ihr Leben als Ordensfrau in einer zunehmend atheistischen, die Großzügigkeit des Geistes durch die Intoleranz der Wissenschaft ersetzenden Welt mit der Ausfahrt des Kolumbus verglichen, mit einer Fahrt auf das offene Meer. Und sie war bereit, die Ängste und die Trostlosigkeit der aus der Heimat Aufgebrochenen zu teilen, weil dort das unbekannte, wieder zu entdeckende Leben ist. 

 

 

 

Januar 2022

Entdeckung

 

Schon mal von Ramses Shaffy gehört? Interessanter Name, die Zusammensetzung erinnert mich an Conchita Wurst. Im denkwürdigen Jahr 1933 geboren als Sohn eines ägyptischen Diplomaten und einer polnischen Gräfin, die in Cannes lebte, an Tuberkulose erkrankte und ihren Sohn nach Holland, erst zu einer Tante, dann ins Heim und schließlich zu Pflegeeltern schickte. Ist das eine Romanvorlage oder eine Lebensrealität? Dass ich auf youtube nach Aufnahmen von ihm suchte, ist trotz dieses Namens geschehen, der nicht gerade Erwartungen in mir weckte.

 

Es hatte etwas mit einem Foto zu tun, das ihn kurz vor seinem Tod zeigt: ein alter verwirrter Mann, schwer gezeichnet von Alkoholsucht und Krankheit und einem Ausdruck in den Augen, der auf eine unzerstörbare Art voller Leben ist. Einer seiner größten Hits ist der Titel "Laat me" (Lasst mich). Und tatsächlich und für mich völlig überraschend erweist Shaffy sich als fantastischer Musiker und Sänger. Von einem jüngeren Musikerkollegen wurde dieser Song unter dem Titel "Vivre" (Leben) gecovert  und auf dem "Alderliefste" Konzert 2007, zwei Jahre vor seinem Tod, singen sie ihn gemeinsam, Shaffy sitzend mit einem Glas Wein in der Hand - dabei, verletzt, unsterblich.

 

Ich habe ein wenig weiter recherchiert und erfahren, dass der jüngere Musiker eigentlich Arzt in der Suchtprävention ist. Er hat Shaffy den Rahmen gegeben, in dem er noch auftreten konnte um das weiterzugeben, das nur ein sehr alter Mensch weitergeben kann: die Angreifbarkeit des Lebens, das Angewiesensein des Menschen auf seinen Mitmenschen, die Freundschaft, die aus diesem Mut entsteht, das Brüchige und Zerbrechliche zu wagen.

 

Ramses Shaffy & Alderliefste 2007 - YouTube

 

Dezember 2021

Konkurrenz

 

Das Wort Konkurrenz wird im Fremdwörterlexikon mit "zusammen um die Wette laufen, aufeinanderrennen" übersetzt. 

 

Das verstehe ich nicht. Wenn ich das lateinische Verb concurrere betrachte, komme ich lediglich zu dem Schluss, dass es sich um ein Mitlaufen handelt. Dass dieses Mitlaufen als Wettkampf aufgefasst wird, verweist auf einen äußeren Rahmen, der nicht benannt wird. 

 

Möglicherweise führt ein Mitlaufen unweigerlich in eine Art Wettkampf, sodass die Wortbedeutung unmittelbar aus der beschriebenen Aktion folgt. Denn wenn alle mitlaufen und dieses Laufen nicht in sich selbst ein Ziel hat, muss es ein Kriterium der Unterscheidung geben, da ja alle nicht eins sind. Der eine läuft schneller, der andere langsamer, daraus ergibt sich ein Maßstab. Als ich noch studierte, veränderten sich die Maßstäbe und ich wunderte mich, warum Geisteswissenschaften plötzlich sportlich - also nicht nach dem Kriterium der Substanz, sondern einer sportlichen Leistung - aufgefasst wurden, da sie bekanntlich doch kein Sport sind. 

 

Geisteswissenschaft hat nichts mit Geschwindigkeit zu tun, sondern mit Bildung. Es geht nicht um den Wettkampf der "Schnellsten", sondern um die Bildung zum Besten. Im Sinne einer Humangesellschaft sollte diese Möglichkeit der Bildung zum Besten, nämlich zu einem guten Menschen, der alles daran setzt, sich selbst zum besten zu bilden, statt andere aus dem Feld zu schlagen, das angestrebte Ziel sein. Die Bewegung dorthin würde man niemals als Konkurrenz bezeichnen, sondern als Entwicklung. 

 

Wenn man so denkt, ist man das Gegenteil eines Mitläufers und steht außerhalb von Konkurrenz. Das ist innerhalb unseres Wirtschaftssystems ein Todesurteil. Was hat das mit Weihnachten zu tun? Herodes hatte beschlossen, in Bethlehem die männliche Erstgeburt töten zu lassen, da er einen Konkurrenten fürchtete. Wer da jetzt aufschreit vor Entsetzen gilt als Weichei. Auch das verstehe ich nicht, da es doch die Mitläufer sind, die um jeden Preis ihre Haut unter den Weihnachtsbaum retten wollen.  

 

 

November 2021

Übergänge

 

Die gute Nachricht ist: wir nähern uns dem Ende der epidemischen Lage von nationaler Tragweite. Allerdings muss man sich fragen, wodurch dieses Ende definiert ist. Beruht die Festlegung auf einem bürokratischen Akt? Soll das Ende jetzt sein, weil man es nun einmal so beschlossen hat? Warum wurde die epidemische Lage überhaupt ausgerufen, wenn man sie jetzt trotz steigender Fallzahlen für beendet erklären kann?

 

Der Grad der Durchimpfung der Bevölkerung markiert natürlich einen deutlichen Unterschied zur Ausgangssituation. Die Mehrheit, so heißt es, ist auf eine vierte Welle vorbereitet. Allerdings wird auch von offizieller Seite verlautbart, dass immer mehr Todesopfer unter den doppelt Geimpften zu verzeichnen sind. Wie soll man das verstehen?

 

Ich habe häufig mit Patienten zu tun, die, während sie Vollgas geben, ebenso kräftig auf die Bremse treten. Sie sind hochgradig motiviert und sich selbst gleichzeitig hochgradig verdächtig. Das Ergebnis ist die Sicherheitsvariante: sie rühren sich bei höchstem Energieaufwand nicht vom Fleck und verbrennen die Impulsenergie sozusagen im Stand. Man kann über Gründe natürlich spekulieren, obwohl das aus der therapeutischen Perspektive wenig Sinn hat, da es darum geht, die vorhandene Dynamik in das Bewusstsein so einzubetten, dass ein Weitergehen gelingt.

 

Wenn diese Sicherheitsvariante "von oben" kommt, wird es natürlich schwierig. Ein Organismus, der auf diese Weise in Hochspannung gehalten und zum Scheitern verdammt wird, gerät in Unruhe. Er kann nicht mehr schlafen, die Pulsfrequenz steigt, das Aggressionspotential lässt sich nicht mehr kontrollieren, es kann ihn der Schlag treffen, oder der Schlag trifft andere. 

 

Hat sich durch Corona etwas verändert? Das muss man wohl verneinen. Die Energiepreise steigen bei gleichzeitig steigendem Energiebedarf.

 

 

Oktober 2021

Bei der Wahrheit bleiben

 

"Was ist Wahrheit?" fragt Pontius Pilatus. Er fragt das nicht als Philosoph mit Erkenntnisinteresse, sondern als Statthalter von Jerusalem, der mit der Selbstaussage Jesu, in die Welt gekommen zu sein, um für die Wahrheit Zeugnis abzulegen, nichts anfangen kann. Offenbar kann man ohne Wahrheit leben. Alle die, die Jesus anklagen, leben ohne Wahrheit und empfinden das nicht als Mangel. Sie lechzen nicht danach, sie brauchen sie nicht, die Kombination des Unbekannten mit dem Unmittelbaren, der Wahrheit mit dem Leben, ist für sie empörend.

 

Auch heute kommt man gut ohne Wahrheit aus. Sie gilt als eine Realitätskonstruktion unter anderen. Lüge, vor allem, wenn sie ausgebufft und erfolgreich ist, wird als Kreativität bewundert. Denn wenn es keine Wahrheit gibt, kann es auch keine Lüge geben. "In welcher Sprache lerntest du lügen?", fragt Philoktet Odysseus, der ihn aus der Verbannung zurück an die Front vor Troja holen soll. Odysseus, der Listenreiche, der Prototyp eines erfolgreichen Lügners.

 

Der Motor, der das Handeln des Menschen antreibt, ist nicht der Wunsch nach Wahrheit, sondern das Bedürfnis, aus allem einen Nutzen zu ziehen, es also den eigenen Bedürnisen unterzuordnen. Man könnte sich direkt darüber aufregen, dass Jesus das Leben mit der Wahrheit kontaminiert hat. Das vermasselt einem doch die Tour.

 

Ein Satz von Günther Eich hat mich in meiner Jugend besonders beschäftigt: "Seid Sand nicht Öl im Getriebe der Welt." Das ist ein Appell, eine Aufforderung, ein Gebot an den Menschen, sich zu widersetzen, wo Unrecht sich auszubreiten beginnt. Geschrieben hat er ihn 1950 unter dem Eindruck dessen, wozu Menschen im III. Reich fähig waren. Dieses Bewusstsein gibt es heute nicht mehr und die Grenzen zwischen Recht und Unrecht verwischen, solange nur die eigenen Ziele erreicht werden können. Dabei helfen Methoden, NLP zum Beispiel, New Learning Processing, als eine Methode der Anpassung an eine sich verändernde Welt, die der Erfolgreiche als "geschmeidig" empfinden kann, weil er sich selbst gut geölt hat und darauf auch noch stolz ist.

 

Wozu also Wahrheit? Ich weiß es auch nicht. Ich setze nur darauf, dass die Suche nach Wahrheit dabei hilft, eine Unterscheidung zwischen gut und böse zu treffen. Und wozu soll das gut sein? Für das Leben - nicht nur für meins, sondern für das aller. Glücklicherweise ist Jesus kein Sophist, kein Denker, sondern ein Lebendiger, einer, der mit seinem Leben für die Wahrheit einsteht. Denn nur dort - im Leben - finden die relevanten Entscheidungen statt. 

 

Gesundheit ist nicht eine Frage der Sorge für mich selbst und meine Bedürfnisse, sondern eine Frage der Beziehung zum Leben. Und das ist ja nun mal bedeuerlicherweise mit der Wahrheit kontaminiert.

 

 

September 2021

Anerkennen was ist

 

Dieser Satz stammt von dem in 2019 verstorbenen Familientherapeuten Bert Hellinger, auf den die Methode der Familienaufstellung zurückgeht. Aufstellungsarbeit bedeutet physisches und psychisches Wahrnehmen der Beziehungsrealität im familiären Gefüge, ein Erleben, das zugleich im (wiederholten) Erleiden und plötzlichen Erkennen stattfindet.

Gunther Schmidt hat Hellinger als Chauvinisten bezeichnet und auch ich tue mich schwer mit der Anerkennung patriarchaler Strukturen, da ich als Geisteswissenschaftlerin natürlich der Ansicht bin, dass Macht niemals das Fundament von Realität sein darf. Möglicherweise liegt hier ein tiefes Mißverständnis, das den Wert der Empfehlung nach Anerkennung des Gegebenen verdeckt. 

 

Wenn ich anerkenne was ist, erkenne ich mich innerhalb einer sozialen Struktur und trete zugleich aus ihr heraus. Ich erkenne die Rolle, die ein Teil meiner Realität ist, als die Person, die ihren Standpunkt außerhalb der Rollenzuweisung hat. Anerkennen was ist heißt also nicht, akzeptieren, was über mich verhängt ist, sondern bedeutet eine Aufklärung über die Bedingungen, mit denen mein Leben verknüpft ist. Erst wenn ich diese Bedingungen anerkenne, kann ich etwas aus ihnen machen. 

 

Das ist keine leichte Übung, da ich natürlich insbesondere die Einwirkungen auf meine Person, durch die ich mich eingeschränkt fühle, verändern möchte. Am liebsten würde ich sie unschädlich machen, neutralisieren, in manchen Fällen vielleicht auch vernichten, aber sicherlich nicht dadurch realisieren, dass ich sie anerkenne. Das bedeutet sogar höchste Gefahr für mein Selbstbild. Außerdem ist es sehr schwer, Menschen (an) zu erkennen, die einem nahe stehen. Ähnlich wie bei der Weitsichtigkeit bekommt man das Bild nämlich nie scharf. Und gleichzeitig wäre nichts wichtiger, als an diesem Punkt scharf sehen zu können. 

 

Denn meine Selbstachtung fusst auf der Fähigkeit, anzuerkennen was ist. Denn nur dann, wenn ich darauf setze und vertraue, dass die Realität nicht das ist, was andere über mich verhängen, sondern das, worin ich als erkennender und anerkennender Mensch lebe und geworden bin, was ich bin, realisiere ich mich selbst. Ich schaffe keine Realität, sondern befreie Realität von Vereinnahmung. Ich setze meine Freiheit gegen die Macht. Das mag sich als Ohnmacht anfühlen, aber genau das soll es doch auch sein. Ohne Macht. 

 

 

 

August 2021

Dienstleistungen

 

Immer wieder begegnet mir die Vorstellung, dass die therapeutische Handlung eine Dienstleistung, der Therapeut ein Dienstleister sei. Auch bezeichnen sich Kolleginnen und Kollegen selbst als Dienstleister für die Gesundheit ihrer Patienten, ähnlich dem Automechaniker, der für das Auto, dem Friseur, der für die Haare, dem Pizza-Bäcker, der für den Appetit zuständig ist. Natürlich wird ein Friseur mir die Haare färben, wenn das meinen Wünschen entspricht, und nicht der Frage nachgehen, ob diese Maßnahme überhaupt wünschenswert ist; auch wird der Pizza-Bäcker mir kommentarlos eine Pizza backen, ohne darüber nachzudenken, was er möglicherweise damit anrichtet. Ein Nachdenken über Sinn und Unsinn des Auftrages würde ja die Existenzgrundlage gefährden.

 

Die Dienstleistungsgesellschaft, zu der unsere Gesellschaft in der Ära Kohl umgebaut worden ist, ist ausgerichtet auf die Erfüllung von Aufträgen und Wünschen. Da jeder Dienst unmittelbar an einen Zweck gebunden ist, ist die Leistung überschaubar. Welchem Zweck dient der Mensch? Ein Auto, klar, ist ein Auto, ein Mittel, das von A nach B fährt und in dieser Funktion erhalten werden soll. Und ein Mensch, wenn man ihn als Teil einer Dienstleistungsgesellschaft betrachtet, ist natürlich - und damit phänomenal eingeschränkt in seinen Möglichkeiten - ein Leistungsträger. Der Auftrag an einen Gesundheitsdienstleister wird daher immer lauten - ob ausgesprochen oder unausgesprochen -, die Leistungsfähigkeit zu erhalten bzw. zu optimieren und an den Bedarf anzupassen. 

 

Damit ist der Maßstab für die Gesundheitsdienstleistung nicht mehr die Gesundheit, sondern das Leistungsprinzip. Die WHO definiert Gesundheit als  "Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens ...". Wenn wir das Ernst nehmen, wachsen wir mit zunehmender Gesundheit nicht in eine Rolle hinein, - die des Leistungsbringers -, sondern über die Rolle, die uns ja ohne Zweifel einschränkt, hinaus. Gesundheit ist ein Systemsprenger. 

 

Wenn es überhaupt ein Dienst ist, sich um die Gesundheit zu sorgen, dann ist es ein Dienst am Leben. Aber auch an dieser Formulierung wird sofort etwas auffallen: nämlich wie vermessen sie ist. Was wissen wir vom Leben, was von Gesundheit? Da wir es doch gewohnt sind, beide Phänomene unseren kleinlichen Zwecken unterzuordnen und damit ganz erheblich einzuschränken. Ist es gesund, sich imfpfen zu lassen? Das wissen wir nicht. Was wir wissen ist, dass es uns Bewegungsfreiheit zurück gibt.

 

Wenn ich eine Dienstleistung verlange, richtet sich mein Blick auf das Resultat, das in meiner Vorstellung schon Gestalt angenommen hat. Ich imaginiere mich in einer Freiheit von Symptomen. In der Hypno-Therapie und Formen des systemischen Coachings finden solche Imaginationen Anwendung. Ich halte allerdings von dieser Methode nichts. Man kann das Ganze jetzt philosophisch angehen und sagen: der Mensch ist in seiner Möglichkeit der Wirklichkeit am nächsten. Das ist sicherlich richtig, trifft aber auf die physische Ebene nicht zu, weil sie keine Möglichkeit ist, sondern einzig und allein eine Realität. In diese Realität Einsicht zu gewinnen ist ein bedeutender Schritt zu einer Art von Gesundheit, die in ihrer Individualität und Besonderheit der Realität am nächsten ist. 

 

Diese Art von Gesundheit kann bedeuten, dass ich aufhöre, darunter zu leiden, nicht tanzen zu können, weil ich die Einsicht in meine Realität mit chronisch versteiften Gelenken gewinne. Wer jetzt einwendet, dass die Entwicklung eines Potentials vom Fußgänger zum Marathonläufer realistisch ist, hat natürlich recht. Dem würde ich empfehlen, einen Trainer aufzusuchen, der sich seinen Vorstellungen als Dienstleister im Konzept einer Leistungsgesellschaft annimmt. 

 

Gesundheit kann weder ein Dienst noch eine Idee sein; ein Dienst nicht, weil darin eine Einschränkung liegt, eine Idee nicht, weil die Physis real ist. Was soll ich also machen? Ich arbeite an der Realität. Und das einzige Ziel kann es nur sein, Einsicht in diese Realität zu gewinnen. Das ist, als ob mir ein Pizza-Bäcker eine Pizza vorsetzt, die ich überhaupt nicht mag... Wenn die Zubereitung richtig dosiert ist, wenn also genau die Stelle berührt wird, an der mir meine Realität aufgeht, werde ich auch ohne es zu wollen dafür dankbar sein. Denn sie ermöglicht es mir, zu erfahren, was für mich Leben heißt. Aber bestellt und in Auftrag gegeben habe ich dieses Gericht (!) ganz sicher nicht!

 

 

Juli 2021

Die gute Nachricht

 

Die gute Nachricht ist: es gibt nicht nur Schreihälse, Ichlinge, Psychopathen und narzisstisch Gestörte, auch wenn man manchmal durch ihre Gravitationsfelder schwimmt und wie auf der Autobahn keine Ausweichmöglichkeiten findet. Heute habe ich durch Zufall entdeckt, dass eine freundliche und offenbar stille Seele meine Dachrinne gereinigt hat. Wie, wann, wer und warum - keine Ahnung. Vielen Dank dafür! Ich freue mich sehr darüber! 

 

Juni 2021

Virusinfektionen und selbst die, die in der akuten Form nur milde Verläufe zeigen, einen geringen Anstieg der Temperatur etwa, nur leichten Husten und mäßiges Krankheitsgefühl, münden häufig in einen langanhaltenden Erschöpfungszustand. Auch vor Corona nahmen solche Fälle in meiner Praxis zu. Das Pfeiffersche Drüsenfieber ist schon lange dafür bekannt, jetzt aber lassen sich die Erreger kaum noch identifizieren. 

 

Viren sind keine selbständig lebensfähigen Erreger, sondern benötigen eine Wirtszelle, deren reproduktive Kräfte sie zur eigenen Vermehrung nutzen. Die neugebildeten Viren werden entweder ausgeschleust oder durch Zerplatzen der Wirtszelle massenhaft freigesetzt. Das gleicht einer feindlichen Übernahme, denn mit der Nutzung der Zellkräfte werden diese zugleich ausgebeutet. Im Falle des HI-Virus wird das besonders deutlich: die HI-Viren dringen bevorzugt in die Abwehrzellen ein, ihr Zerstörungswerk führt in eine lebensbedrohliche Abwehrschwäche, die nun keinem Angreifer mehr etwas entgegenzusetzen hat. Der Wirtsorganismus wird zur Ruine.

 

Aber auch bei den harmloseren Vertretern kann es zum Ausfall bestimmter Funktionen des Organismus kommen, des Geschmacks- und Geruchssinns beispielsweise, der Einschränkung des Gehörs, der Beweglichkeit der Muskeln etc. Daher ist es sinvoll, nach Abklingen der akuten Symptomatik dafür zu sorgen, dass die Regulationskräfte des Körpers sich aus der Umklammerung durch den Angreifer vollständig befreien können. Es muss also verhindert werden, dass sich Residuen bilden, aus denen heraus immer wieder kleinere und größere Krankheitsherde entstehen können. 

 

Neben Ausleitungsmaßnahmen, die die Entgiftungsleistung und damit die Fähigkeit des Körpers, sich von belastenden Stoffen zu befreien, stärken, sollte natürlich auch das Immunsystem unterstützt werden. Denn wie bei jedem erfolgreichen Angriff sind die Sicherungssysteme überwunden und beschädigt worden. Mittlerweile werden viele Corona-Genesene geimpft. Die Impfung erfolgt nach überstandener Infektion in einen geschwächten Organismus. Die Risiken und Nebenwirkungen sind bekannt und werden viel diskutiert. Natürlich ist es auch eine Abwägungssache, in der der Nutzen gegen die Risiken aufgewogen wird. Allerdings kann man einiges tun, um die Risiken zu verringern. Und dazu gehören auch pflanzliche Rezepturen, die schon lange bekannt sind und sich in der Begleitung von Immunisierungsmaßnahmen sehr bewährt haben.

 

 

 

Mai 2021

Platon sagt, ein Mensch handele niemals aus Freiheit schlecht, sondern aus Unfreiheit. Darin liegt keine wesentliche Aussage über den Menschen, sondern eine über die Freiheit. Freiheit ist die Freiheit zum Guten, jedenfalls sieht Platon das so, der es von seinem Lehrer Sokrates aufgefasst hat.

 

Ein Handeln aus Freiheit lässt sich daran erkennen, dass es das Gute zum Ziel hat. Das Werkzeug, mit dem sich der Mensch in Richtung Freiheit bewegen kann, ist die Philosophie, die Liebe zur Weisheit. Je weiter sich der Mensch in dieser Fähigkeit entwickelt, desto größer das Erkenntnisvermögen, das schließlich zur Einsicht in das Gute führt. 

 

Platon überliefert in seinen Werken einen Dialog des Sokrates mit Protagoras, einem sogenannten Sophisten, den man als Kollegen bezeichnen könnte. Denn er unterweist seine Schüler darin, sich klug und gewaltig zu präsentieren und nimmt sogar Geld dafür. Schon im Prolog wird deutlich, dass die Lehre des Protagoras nicht an einen Inhalt gebunden ist, sondern eher eine Strategie, eine Marketingstrategie vielleicht, vermittelt. Auf Protagoras geht der Satz zurück, der Mensch sei das Maß aller Dinge. 

 

Daraus folgt die Relativität des Erkenntnisvermögens und damit auch die Unterordnung jedes Handlungsziels unter das Bedürfnis, das der Mensch mit ihm verbindet. Er wird das Gute nicht anstreben können, sondern lediglich das, was ihm in diesem Moment und unter den Bedingungen seines Lebens als das Gute erscheint. Er wird also das anstreben, was für ihn selbst gut ist. Damit ist über "das Gute" keine gültige Aussage zu machen. 

 

Sokrates packt ihn mit seiner legendären Ironie an diesem Punkt, da Protagoras doch immerhin behauptet, es sei gut bei ihm in die Lehre zu gehen. Gut für ihn, da er ja dafür bezahlt wird. Aber darüber hinaus kann er doch auf der Basis seines Denkens keinerlei Aussage über das Gute machen. 

 

Sokrates tut das auch nicht, da er es ebenso wenig kann, wenn auch aus anderen Gründen. Der Dreh-und Angelpunkt dieser Kontroverse ist die Aussage über die Freiheit: Freiheit ist die Freiheit zum Guten. Denn nur dann macht es Sinn, dass der Mensch sich entwickelt und nach Lehrern und Förderern sucht, die ihn in seiner Entwicklung unterstützen. 

 

Es ist natürlich einfacher - wie weiter unten schon einmal bemerkt - sich einen Porsche mit Elektroantrieb zu kaufen. Das ist ungefähr das Modell, das Protagoras vertritt: die Verbindung des persönlichen Bedürfnisses nach einem beeindruckenden Gut mit dem Anschein des Guten, die auf eine Sanktionierung des Unguten hinausläuft. 

 

Auch bei Hildegard von Bingen gibt es einen Gedanken dazu, der mit seiner Aktualität vielleicht ebenso überrrascht, wie der platonische Dialog. Sie sagt, dass der Mensch es selbst in der Hand habe, ob er in der Hölle lebt oder im Paradies - ein zu ihrer Zeit eigentlich unfassbarer Gedanke, weil es den Begriff der Entscheidungsfreiheit nicht gab, ebensowenig wie die Vorstellung vom Individuum, das für sein Leben selbst verantwortlich ist. 

 

So wie Platon/Sokrates das Gute mithilfe der Philosophie anstrebt, strebt die Ordensfrau das Gute mithilfe des Glaubens an. Das was erreicht wird, die Schau des Guten und Schönen, das Paradies, mag man im religiösen Sinn als Gottesschau auffassen, man kann es aber auch viel einfacher ausdrücken als eine Erweiterung des Erkenntnisvermögens, die zum Guten führt. Das ist Sinn und Zweck jeder Therapie.

 

 

Ostern 2021

Vielen meiner langjährigen Patientinnen und Patienten ist mein Vater wohlbekannt. Er ist der Erbauer all der skurilen Holzmöbel, der Schnitzer der Ohren und Münder, die als Tür- und Tragegriffe dienen, der Nasen und Torsi, die unser Haus bevölkern. Aber spätestens, wenn er beim Aderlass-Frühstück plötzlich auftauchte, um schon mal das Geschirr einzusammeln und zu spülen, flogen ihm die Herzen zu. Warum eigentlich? Weil ein Mann der Vorkriegsgeneration sich im Haushalt hervortat? Weil mein Vater grundsätzlich jeden anständig behandelt hat? 

Sein Herzinfarkt Ende 2015, der auf bestehende Grunderkrankungen aufsattelte, hat ihn zu dem gemacht, was er uns Kindern gerne vorwarf: zu einer Drohne im Bienenkorb. Ich habe die Pflege dieser "Drohne", die darunter litt, weder im Garten arbeiten, noch im Haushalt helfen zu können, gerne übernommen. Mein Vater machte es einem leicht, ihn zu lieben. Durch seine Wertschätzung und Dankbarkeit, durch sein Vertrauen, durch sein Dasein als Mensch. Vielleicht war es ja auch das, was sich beim Aderlass-Frühstück mitteilte, wenn er den Raum betrat: da ist ein Mensch, der niemandem etwas zuleide tut. Nicht im Traum käme er auf die Idee. 

Fast zwanzig Jahre haben wir hier in einer schönen und außergewöhnlichen Hausgemeinschaft gelebt, fast sechs Jahre habe ich ihn gepflegt. Am Ostermontag frühmorgens in seinem 91. Jahr ist er gestorben. 

Ich bin mir sicher, jetzt trägt er ein weißes Kleid.

 

März 2021

Physische Hermeneutik

 

Unter allen Erzählungen in der Bibel spricht mich der Gang nach Emmaus besonders an. Drei Tage nach der Kreuzigung, - dass das Grab leer vorgefunden wurde, ist schon bekannt -, sind zwei ratlose Jünger auf dem Weg von Jerusalem nach Emmaus, das 60 Stadien entfernt liegt. 12 km etwa, kein Tagesmarsch. Sie sprechen über das, was sich ereignet hat. Ein Fremder schließt sich ihnen an und sie bedeuten ihm, dass ihre Hoffnungen enttäuscht worden sind. Ihr Prophet, der Israel erlösen sollte, ist dem Urteil der Hohepriester zum Opfer gefallen. 

 

Sie haben auf ihn gesetzt und offenbar verloren. Der Fremde ist Jesus, der nicht erkannt wird, denn "sie waren wie mit Blindheit geschlagen". Auch was die Offenbarung betrifft, die droht, eine unerfüllte Vision in ihrem Bewusstsein zu bleiben. Der Realist würde ihnen Recht geben und als aufgeklärter Rationalist empfehlen, die Überlieferung nicht wörtlich zu nehmen. Aber was bedeuten die Bibeltexte, wenn sie nicht wörtlich genommen werden? Wenn alle nur geträumt haben und ihre Träume den Nachkommen auferlegen, damit sie daran in die Irre gehen? Kann doch durchaus sein.

 

Jesus macht die Jünger darauf aufmerksam, dass alles, was seit Moses und den Propheten über den Messias geschrieben worden ist, im Geschehen der Kreuzigung erfüllt wurde. Im Wortsinn. Das bedeutet für eine Welt, die grundsätzlich alles als ihre Auslegungssache betrachtet, einen bedeutenden Realitätsverlust. Aber es ist nicht nur der Wortsinn, der sich erfüllt, sondern zugleich öffnet sich eine neue Wahrnehmungsebene. Denn schließlich erkennen die Jünger, dass es Jesus war, der ihnen den Sinn der Schrift erschloss, nicht daran, dass er sich ihnen namentlich vorstellt, sondern an einem intensiven Gefühl: sie spüren, wie ihre Herzen brennen. 

 

Es sind also Grenzen für ungültig erklärt worden, vor denen man schon innerlich kapituliert hatte. Die Grenzen eben, deren Geltungsbereich Macht definiert. Das brennende Herz, das über diese Grenzen hinaus geht, ist keine Metapher, sondern eine physische Erfahrung. Es ist physisch möglich, die Gegenwart Gottes zu spüren. Das sollte man doch als Realität gelten lassen.

 

Was bedeutet das für den Menschen? Dass er etwas gewonnen hat, das ihm vorher nicht zur Verfügung stand. Was macht er jetzt damit? Trägt er es zurück in die Mauern Jerusalems? Was hat Moses gemacht, als der Dornbusch brannte, oder Elias, als er vor die Höhle trat? Man hat nicht den Eindruck, dass eine sinnvolle Tat aus all dem hervorgeht. Denn auch die Gesetzestafeln, die doch immerhin in Stein gemeißelt und monumental sind, haben ihren Geltungsbereich im Nirgendwo. 

 

Wir wissen es also nicht und können nichts mit Bestimmtheit sagen. Und trotzdem brennt uns das Herz.

 

 

Februar 2021

Versuch und Versuchung

 

Neulich bin ich auf die Idee gekommen, bei meinem alten Auto selbst Hand anzulegen: Öl nachfüllen, Kühlflüssigkeit und der Scheibenwischer hatte auch nichts mehr zu wischen. Seitdem hat das asthmatische Keuchen des Motors aufgehört und ich bin froh, dass ich in der letzten Zeit keine weiten Strecken gefahren bin. Allerdings habe ich mir über Kühlflüssigkeit nie Gedanken gemacht und bin nur deshalb darauf gekommen, den Stand der Dinge zu überprüfen, weil ich mich bei youtube noch einmal vergewissern wollte, ob ich die Markierung für den Ölstand nicht immer falsch ablese. Da fand ich dann ein hilfreiches Video, das sich bei der Gelegenheit auch der Kühlflüssigkeit annahm. Aha, ein Blick unter die Motorhaube führt mich vor die Einsicht, dass ich das schon längst einmal hätte tun sollen. Denn andere, die sich professionell mit dem Motorraum beschäftigt haben, ja, was soll man sagen, fühlten sich offenbar von der Mangelsituation nicht angesprochen. Nicht ganz ungefährlich, würde ich sagen. Ein Motor hat keine Selbstheilungskräfte. Wenn er Schaden genommen hat, wird es nicht mehr helfen, Flüssigkeiten nachzufüllen.

 

Es ist ja bekannt, dass viele Menschen mit ihrem Organismus so umgehen, als wäre er ein Auto. Ist etwas kaputt, kommt er in die Werkstatt. Dabei wäre es in diesem Fall weitaus wichtiger, mehr über sich selbst und den Organismus zu wissen. Denn auch wenn manche Einzelteile arbeiten wie eine Maschine, so beruht das Prinzip der Vitalität auf Kommunikation. Wenn ich als Therapeutin tätig werden soll, muss ich eine ganze Menge wissen: wenn mir ein Asthmatiker verschweigt, dass er für den Marathon trainiert, wird mein Behandlungsansatz nicht nur erfolglos bleiben, sondern der Zustand des Patienten wird sich auf zunächst unerklärliche Weise und möglicherweise sogar dramatisch verschlechtern. 


Als eine Patientin einmal meine Frage nach einer bestimmten OP, deren Spuren ich in ihrer Iris gesehen hatte, verneinte, fing ich an, an mir selbst zu zweifeln. Ich bin nicht auf das Naheliegende gekommen, das sich glücklicherweise dann doch noch aufklärte: dass die Patientin in dem Moment einer Beantwortung auswich, weil es ihr peinlich war. Bei dem Versuch, mit dem Organismus in Kontakt zu treten, bin ich also auf die Mithilfe der Patienten angewiesen, aber das, was wir dann wahrnehmen, kann uns peinlich und unangenehm sein.  Kommunikation verändert. Ein Motor kann sich nicht verändern, er muss nach seinen Bedingungen gewartet werden. Egal, ob ich mit ihm spreche, oder nicht. Ein Motor ist auf sich selbst, auf seine Funktion, beschränkt. Ein Mensch lebt im Raum seiner Möglichkeiten. Eine Behandlung ist der Versuch, diese Möglichkeiten aus ihrer Verdrängung zu befreien und zur Nahrung der Selbstheilungskräfte werden zu lassen. 

 

Ein Asthmatiker sollte also nicht verdrängen, dass sein Herz Sauerstoff braucht. Die Ressource, die er dafür einsetzen muss, ist die Fähigkeit der Selbstwahrnehmung. Dann wird er erkennen, dass Ausdauersport sinnvoll, Leistungssport es aber nicht ist. Wenn er sich am Leistungsprinzip orientiert, wird ihm diese Erkenntnis schwer werden. Möglicherweise wird er sogar nicht nur von seinem Körper weiterhin Übermenschliches verlangen, sondern auch von mir eine Art naturheilkundliches, gesundes Tuning. "Warum", wird er mich fragen, "nennen Sie dieses Training übermenschlich, da es doch genug Menschen gibt, die Marathon mit Erfolg laufen?" Ja, das ist richtig, und gegenüber dem ersten Läufer von Marathon nach Athen, der bei Ankunft tot umfiel, ist das natürlich ein Erfolg von Training und Anpassung. Aber die Perspektive ist nicht menschlich, denn das gesetzte Ziel, orientiert sich  nicht an seinen Möglichkeiten. 

 

Möglichkeiten zeichnen den Menschen aus. Ein Motor, der keine Leistung mehr bringt, wird verschrottet. Mehr als Leistung und verwertbares Altmetall hat er nicht. Ein Mensch aber ist noch weit über jedes Leistungsprinzip hinaus in der Lage, sich selbst zu erforschen. Er wird also in der Begrenzung und Einschränkung zugleich sein wahres Potential erkennen. Was kann also wichtiger sein für unsere Zukunft als Individuum und als Menschheit, als "die Wahrheit und uns zu erforschen..", wie Sokrates im Gespräch mit seinen Schülern feststellt? 

 

 

Silvester 20/21

Werte

 

Diesmal sind nicht die Blutwerte gemeint, wenn auch die Spur des Corona-Virus im Blut durchaus eine Betrachtung wert wäre.

Auf einen Nachrichten-Bericht über das Handelsabkommen mit China folgte gestern die Stellungnahme des Uiguren-Forschers Adrian Zenz. Dabei fiel mir auf, dass schon lange auf die sonst so übliche Floskel - wir mahnen China eindringlich zur Wahrung der Menschenrechte - verzichtet worden ist. Umso mehr überraschte es mich, dass sich an den Bericht über einen "Meilenstein" für die Entwicklung der wirtschaftlichen Beziehungen die höchst emotionale, empörte Äußerung eines Anthropologen anschloss, dies sei der "Ausverkauf der europäischen Werte".

 

Vielleicht muss man das als eine Art "outsourcing" verstehen: man will nicht ganz auf den Anspruch verzichten, moralische Standards von Handelspartnern einzufordern, selbst wenn man sich von diesen längst verabschiedet hat. Also lässt man es durch einen unabhängigen Wissenschaftler tun. 

 

Als ich vor vierzig Jahren auf das Abitur zuging, fragte mich ein Arzt nach meinen Studienplänen. Mit der geisteswissenschaftlichen Richtung war er gar nicht zufrieden, mit "Theaterwissenschaft" noch weniger. Warum eigentlich? Auch damals schon waren die 

Welt des Geistes und die Welt der Naturwissenschaften voneinander getrennt und hegten eine Feindschaft, die mit dem Menschenbild der jeweiligen Disziplinen zu tun hatte. Der Arzt brachte es auf den Punkt: "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral!" Immerhin - dachte ich damals - zitiert er Bertolt Brecht. 

 

Es ging aber gar nicht um das "Fressen", sondern schlicht und einfach um die Macht. Also - wie ich als Geisteswissenschaftlerin sagen würde - um einen vollkommen sinnlosen Kampf. Wie im Großen, also in der Weltpolitik, so im Kleinen, in der zwischenmenschlichen Begegnung: Macht wird durch Ungerechtigkeit etabliert, durch die Bevorzugung des Einen und die Abwertung des Anderen. Wenn die Weltwirtschaft floriert, bedeutet das nicht, dass wir das "Fressen" haben. Dafür kann nun wirklich jeder selber sorgen. Es bedeutet eher, dass vielen Menschen die Existenzgrundlage genommen wird zugunsten Anderer. Ich kann nicht einmal einen Restbestand an Wertebewusstsein in dieser Entwicklung erkennen.

 

Was ist ein Wert? Ein Wert wird erst dann wahrgenommen, wenn die Egozentrik des Machtanspruchs die Perspektive nicht mehr verzerrt. Dafür ist jeder Einzelne auch selbst verantwortlich. Deshalb sollte er sich für den sprichwörtlichen Sack Reis, der in China umfällt,  interessieren. Und was bedeutet das für die Gesundheit? Das wird man erst erfahren, wenn man diesen Schritt getan hat. Denn eins ist sicher: Egozentrik ist ihr größter Feind.

 

 

Dezember 2020

Weihnachten

 

In den 90er Jahren kamen Franziskanerinnen aus Münster nach Berlin, um in Pankow, am dortigen Franziskanerkloster, eine Aids-Hilfe aufzubauen. In der Anfangsphase hat es dort ein Weihnachten gegeben, das in einem Schuppen auf dem Gelände des Klosters gefeiert wurde, bei Minus 20 Grad. Ich weiß nicht, ob eine Notwendigkeit dazu geführt hat, Raummangel, Umbaumaßnahmen, Ausfall der Heizung, oder ob ein spiritueller Gedanke dahinter stand. Ich kenne allerdings das Gelände gleich hinter dem S-Bahnhof als einen Ort außerordentlicher Tristesse. Hier wird man nicht wie sonst vielerorts von mächtigen Mauern aufgenommen, deren Ordnungsprinzip Jahrhunderte überdauert hat. Ich habe es als eine zugige Anlage in Erinnerung, als eine irgendwie behelfsmäßige Unterkunft, deren Außenmauer, die auch einen Gewerbehof hätte abschließen können, die für Ost-Berlin so typischen Putz-Schäden aufwies. Deshalb konnte ich es mir lebhaft vorstellen, als Schwester Juvenalis von diesem Weihnachten sprach: "Das hatte mit Idylle nicht das geringste zu tun!" 

 

Wenn man sich darauf einlässt, auf die Veränderung der Gewohnheiten, kann man im besten Fall eine neue Erfahrung machen. Ein Pfarrer berichtete mal von einem Experiment, das keine glückliche Wendung genommen hat. Da trafen sich mehrere Geistliche zu einem Konvent, in der Pause freuten sie sich auf ein gutes Mittagessen. Der Gastgeber hatte aber seine Haushälterin angewiesen, trockenen Reis und Brot vorzubereiten. Die Idee kam gut an, ja wirklich, nur als es tatsächlich dabei blieb und der Hauptgang nicht aufgetischt wurde, sank die Stimmung unter Minus 20 Grad.

 

Eine neue Erfahrung kann eine Erlösung bedeuten. Das gilt für die Gesundheit in dem umfassendsten Sinn, den man sich vorstellen kann. Ich finde, dass man sich genau deshalb auf dieses Weihnachten, das so ganz anders stattfinden wird, als wir es gewohnt sind, um so mehr freuen sollte, da es endlich und nach langer Zeit die Chance für eine neue Erfahrung bietet.

 

 

 

Oktober 2020

Ernährungsgewohnheiten

 

Das Ziel der Naturheilkunde ist das Vermeiden von Krankheiten. Daher nehmen in ihr Ernährung und Lebensstil eine große Rolle ein. Der Kräutergarten, über den jedes Kloster nach einem Erlass Karl des Großen verfügen musste, diente dem Erhalt der Gesundheit der klösterlichen Gemeinschaft. Eine Seuche, die einen ganzen Konvent - und der konnte durchaus eine oder auch mehrere Hunderschaften umfassen - auslöscht, war ein Katastrophenszenarium, das ganze Landstriche kulturell und wirtschaftlich um Generationen zurück geworfen hätte. Also etwa so, als wenn die Entwicklungsabteilung bei Siemens komplett ausfallen würde, oder in einem Hochleistungslabor, oder in anderen Bereichen wirtschaftlich relevanter Forschung.

 

Der Kräutergarten lieferte den mit der Krankenpflege beauftragten Brüdern und Schwestern die Rohstoffe für Tinkturen, Salben, Gewürze, aber auch der täglichen Küche den Zusatz an "Kraftstoffen", der mit der Aufnahme von Nahrungsmitteln zugleich ihre effektive Verarbeitung und die Unterscheidung in gehaltvoll und ausscheidungswürdig förderte. Die Nahrungsaufnahme sollte sein wie das Atmen: Sauerstoff wird aufgenommen, CO2 ausgeschieden. Dieser Vorgang funktioniert nur, wenn die Lunge gesund und nicht der Müllplatz einer überlasteten Leber ist. 

 

Wer in einem Konvent lebt, isst, was ausgeteilt wird. Die Ernährung wird also für den größten Teil der Gemeinschaft gleich gewesen sein. Das ist heute ganz anders. Die allgemeine Ernährungsgrundlage ist ungesund, Alternativen sind hip. Entweder man ernährt sich von Pommes Schranke, Grillteller und Fertiggerichten, weil man das so gelernt hat, oder studiert mit Freunden molekulare Ereignisse am Herd. Mit Gesundheit hat beides nichts zu tun. Das mag ein wenig übertrieben sein, spiegelt aus meiner Erfahrung aber lediglich die Unausgewogenheit, die das Verhältnis zur Ernährung kennzeichnet. 

 

Was man lernen kann aus der Klosterheilkunde sind nicht in erster Linie Rezepte, sondern ist die Einsicht, dass Gesundheit kein individuelles Phänomen ist. Der Körper braucht bestimmte Nahrungsangebote, die danach ausgewählt werden sollten, ob sie den Bedingungen des Stoffwechsels entgegenkommen: also bei geringem Energieaufwand eine möglichst reiche Ausbeute an Nährstoffen gewährleisten. Die Frage nach Mischkost, vegetarisch oder vegan ist da im Grunde schon zu differenziert. 

 

Von Hildegard von Bingen werden übrigens einige Universal-Heilmittel überliefert. Der Bärwurz-Birnen-Honig zum Beispiel, von dem sie selbst gesagt haben soll, er sei kostbarer als Gold, der Meisterwurz, den auch Paracelsus zu seinem Favoriten unter den Kräutern gemacht hat, der Petersilien-Honig-Wein, das Wermut-Elixier, die Wasserlinse ...  Zubereitungen, die auch heute und selbst bei schweren Erkrankungen von durchschlagender Wirkung sind. Sie wirken auf die alten Strukturen im menschlichen Organismus, die sich nicht verändern, die, indem sie das bleiben, was sie sind, zugleich mit allem in Verbindung bleiben und den Organismus als eine Organisation tragen, ohne ihn zu zergliedern und,  in Einzelbestandteile zerlegt, zu schwächen. Wenn wir uns jetzt mit Gesundheit verstärkt beschäftigen, beschäftigen wir uns zwangsläufig auch mit Gemeinschaft. Mit der Gemeinschaft alter und moderner Strukturen in unserem Organismus, mit der Gemeinschaft heterogener Welten in unserer Lebensrealität. Das ist sicherlich keine schlechte Idee, auf die Corona uns bringt. 

 

 

 

September 2020

Lebensthemen klären

 

Ein Lebensthema ist ein Thema, das einen das ganze Leben begleitet. Es ist nicht das Thema, das man selbst für sein Leben wählt. Dennoch bleibt es, - erwünscht oder unerwünscht -, der rote  Faden und Motor der Persönlichkeitsentwicklung. Es ist unerschöpflich, in seiner Vielfältigkeit bereichernd und erschreckend, häufig nervtötend, anspruchsvoll, fordernd. Man würde es gerne zum Teufel jagen.

Wenn man sich einmal dazu durchgerungen hat, sich mit ihm anzufreunden, bekommt das Leben eine andere Dimension. Während man in seinem "eigenen" Leben damit beschäftigt ist, sich selbst zu behaupten und damit alternative Möglichkeiten zu verdrängen, öffnet sich die bereichernde Eigenschaft des Lebensthemas erst dann, wenn man bereit ist, sich in dem Punkt der Selbstbehauptung in Frage zu stellen und das so sorgfältig erworbene und verteidigte Selbstbild loszulassen. 

Das Loslassen hat eine physische Entsprechung. Das Leben funktioniert nur, indem wir Stoffe aufnehmen, verarbeiten und Unbrauchbares und potentiell Belastendes wieder ausscheiden. Das passiert unbewusst, ist aber nicht frei von Störungen, die viele Ursachen haben können - äußere, wie verdorbene Nahrung, Luftverschmutzung, allergene Belastung -, aber auch innere, wie Streßbelastung, Ängste, Gewalteinwirkung.

Die Substanz, die alle Stoffe durch den Körper transportiert und daher alles kennt und über alles Bescheid weiß, ist das Blut. Deshalb macht es ja auch Sinn, die Labordiagnostik zur Hilfe zu nehmen. Früher kannte man diese Möglichkeit nicht, hatte keine Vorstellung vom Blutkreislauf, war sich aber immerhin darüber im Klaren, dass diese flüssige Substanz, die alles Feste umfließt und wesentlich zugänglicher ist, als die anderen Strukturen, eine besondere Bedeutung für Heilverfahren hat. Der Aderlass ist eines der ältesten Verfahren der Heilkunde überhaupt. Seit den 70er Jahren des 20. Jh.s wird er auch wieder von der Schulmedizin entdeckt, insbesondere zur Behandlung von Bluthochdruck. Aber die Anwendungsmöglichkeiten sind natürlich bedeutend vielfältiger.

Im Wort Aderlass steckt das Wort lassen. Die punktierte Vene lässt das Blut los. Interessanterweise ist dieses Loslassen in einem gesunden Organismus physisch begrenzt und wird eigenständig, ohne therapeutisches Eingreifen, abgeschlossen. Aber: es setzt Gesundheit voraus. Man kann daraus lernen, dass das Loslassen ganz allgemein betrachtet ein für den Organismus gesunder Vorgang ist. Man findet ihn ja auch überall in der Natur. 

Durch das Loslassen kommt es zu einer Entlastung. In der Entlastung entfaltet sich die therapeutische Wirkung. Man kann das, wie wir es in heutiger Zeit gewohnt sind, ganz nüchtern und materialistisch auffassen und den Aderlass als eine Art Stuhlgang betrachten. Dabei übersieht man aber die tiefe Verflechtung von physischer und psychischer Natur, die im Aderlass wahrnehmbar wird und ihn besonders geeignet macht, das bewusst/unbewusste Lebensthema des Patienten zu veranschaulichen.

Eine Patientin erzählte mir während des Aderlasses davon, wie sie sich früher, vor Jahrzehnten, mit ihrem Ex-Mann geprügelt hatte. Sie lag entspannt auf der Liege, die Kanüle in der Vene, und erinnerte sich unwillkürlich an Erfahrungen von massiver Gewalt. Sie erzählte, wie man eine Geschichte erzählt, die einen nichts angeht, die man aber irgendwie komisch findet. Da hatte er sie doch zwischen Wand und Schrank eingeklemmt, um besser auf sie eindreschen zu können. Fast hätten wir darüber gelacht. Das Blut sprach aber eine andere Sprache, es hörte nämlich auf, zu laufen. Es gefror in den Adern. 

Ich fragte sie nach Erlebnissen, die ihr in ihrem Leben besonders lieb waren und es gelang ihr auch ohne weiteres, in diese Richtung umzuschwenken und mir ihren Garten frühmorgens um fünf zu beschreiben. Tropf, tropf, tropf... Da lief es wieder.

Die Patientin litt an einer chronischen Stoffwechselerkrankung, die natürlich, solchermaßen eingerahmt von den Bildern einer Beziehungs-Katastrophe und einer geheilten Natur eine ganz neue Bedeutung bekam. Die Unterstützung des Stoffwechsels, also der Fähigkeit, Gutes von Schlechtem zu unterscheiden, ist sicherlich ein Lebensthema, sowohl physisch als auch psychisch. Zu diesem Thema gehört aber auch, dass es etwas in Gang gesetzt und dazu geführt hat, dass sich die Patientin einen Garten, einen Lebensraum schaffen konnte, in dem sie sich sicher fühlt. Der Moment des Loslassens beim Aderlass hat in einer Momentaufnahme das Scheitern eines Lebensplans und die Fähigkeit zu seiner vitalen Bewältigung anschaulich und erlebbar gemacht. Darin liegt das Lebensthema, der Moment der Heilung und das Leben als Weg, der zu dieser Heilung führt.  

 

 

 

 

August 2020

Zwei Tage im Krankenhaus

 

 

Mein fast 90jähriger pflegebedürftiger Vater muss zweimal jährlich zu einem Routineeingriff ins Krankenhaus. Wenn alles gut geht, beträgt die Aufenthaltsdauer zwei Tage, wenn Komplikationen auftreten bedeutet jeder weitere Tag eine zusätzliche Schwächung des ohnehin sehr angegriffenen Organismus. 

 

In Corona-Zeiten mit allgemeinem Besuchsverbot kann das für einen auf Unterstützung angewiesenen Menschen zur Katastrophe werden. Aber auch vor Corona ging es schon deutlich an die Grenzen. Deshalb hatten wir diesmal so geplant, dass ich als "medizinisch notwendige Begleitperson" mit eingewiesen werde. Von der Krankenkasse erhielten wir grünes Licht und auch das Krankenhaus hat mitgemacht, so dass wir gemeinsam einrücken konnten - mit einer großen Tasche Infusions- und Injektionslösungen im Gepäck und natürlich zwei negativen Corona-Abstrichen.

Diemal ging alles glatt, mein Vater hat den Eingriff wesentlich besser verkraftet, als beim letzten Mal  und nach zwei Tagen waren wir wieder zuhause. 

 

Ein Krankenhaus ist ein Haus voller Kranker. Wenn man als Gesunder darin ist, möchte man sofort wieder hinaus. Es ist ein Ort, an dem Krankheit dominiert und alles, was geschieht, auf Krankheit ausgerichtet ist. Sollte es nicht besser - zielorientiert - Gesundheitshaus heißen und in allem ausgerichtet sein auf die Stärkung der Gesundheit? Das würde bei der Ernährung anfangen....

 

Durch die dünne Personaldecke laufen die Pflegekräfte den Ereignissen hinterher, nicht voraus. Das ist ein großes Problem, denn die Energie konzentriert sich zwangläufig in die falsche Richtung. Deshalb ist es für mich auch leicht nachvollziehbar, dass ein alter geschwächter Patient dort Angst um sein Leben hat.

 

In letzter Zeit ist es in meiner Praxis häufiger vorgekommen, dass Patienten sich auf die Grundregel, dass es um ihre Gesundheit und nicht um die Verwaltung ihrer Krankheit geht, nicht einlassen konnten. Manche identifizieren sich schon so sehr mit ihren Beschwerden oder haben gelernt, sie zu einem wirksamen Instrument zu machen, dass sie sich nicht davon trennen wollen. Andere sind aufgrund der Schwere ihrer Erkrankung in einer unverzichtbaren schulmedizinischen Therapie, die begleitet werden soll, um Nebenwirkungen zu mildern. Das ist natürlich sinnvoll. Dennoch darf auch in einer solchen Situation die Krankheit das Bewusstsein nicht dominieren. Sobald die Krankheit dominiert, sind die Handlungsmöglichkeiten eingeschränkt und der Therapeut ist mitsamt seinem Patienten in Gefahr, in einen negativen Prozess eingebunden zu werden. Lässt sich diese Entwicklung nicht mehr beeinflussen, muss man als Therapeut aussteigen, um nicht zum Büttel der Krankheit zu werden.

 

Gesundheit ist eine komplexe Realität, die natürlich die Realität der Krankheit überschreitet. Wenn wir diese Perspektive nicht offen halten, wird sie uns physisch und mental verloren gehen. In unserer christlich geprägten Vergangenheit - und um diese zu begreifen, muss man in der Geschichte sicherlich tausend Jahre zurück gehen - richtete man sich aus auf die Perspektive des Heils. Damit ist nicht das persönliche Heil, Wohlstand, Erfolg, Erfüllung aller Wünsche gemeint, sondern ein Heil, das an das Heilsein Aller und der Welt gebunden ist. Man muss nicht an Gott glauben, um zu erkennen, dass darin eine positive Dynamik liegt. Deshalb - um dieser positiven Dynamik willen - macht es Sinn, auf das Wissen und die humanitas und humilitas in der Grundhaltung des Menschen zurück zu greifen. 

 

Es mag ein Ideal gewesen sein, das nicht erreicht wurde. Es ist sicherlich einfacher, sich einen Porsche mit Elektroantrieb zu kaufen. Gesünder wäre es allerdings, das Bewusstsein um diese verlorene Perspektive zu erweitern.

 

 

 

Juni 2020

Aktuell ist natürlich die Corona-Krise, die mich einiges gelehrt hat:

 

Nach wie vor und auch bei völliger Ratlosigkeit der Schulmedizin zählt die Naturheilkunde nicht, die durchaus Mittel gegen virale Infektionen kennt. Die Aufforderung an die Bürger, immunstärkende Maßnahmen durchzuführen und diese ausnahmsweise auch mal zu subventionieren, wäre ebenso wichtig gewesen, wie die Einführung der Maskenpflicht.

Die Kosten dafür wären sehr gering, die Folgen für die physische und psychische Abwehr und das Bewußtsein, trotz der Bedrohung handlungsfähig zu sein - also nicht bloß das frustrierte Opfer, das sich einschränken muss, sondern ein Mensch, der neue Erfahrungen mit sich und seinem Umfeld machen darf - scheinen mir lohnenswert. 

Stattdessen gibt es wieder Diskussionen um die Abschaffung des Berufstandes der Heilpraktiker. Das finde ich sehr traurig. Verdrängung - das zeigt die alltägliche (Lebens-)Praxis, wenn sie denn bewusst wahrgenommen wird, hat noch nie zur Problemlösung beigetragen.

Menschen haben - und das habe ich auch gelernt - Schwierigkeiten damit, sich an Regeln zu halten. Ganz neu war mir das nicht, das Verstehen fällt mir leider sehr schwer. Wir, und damit meine ich die, die keinen direkten Kontakt mit Infizierten haben oder selbst  erkrankt sind, wissen nicht, was Corona ist, ob alles ein Fake ist einschließlich der Nachrichten aus den Nachbarländern, was dann allerdings schon eine gewaltige Verschwörung sein müsste, die aus meiner Sicht umso erstaunlicher wäre, als für eine solche Konstruktion die sonst so zerstrittenen Staaten an einem Illusions-Strang ziehen müssten. Wir wissen es nicht. Und solange ich nichts weiß, tue ich alles, um Risiken auszuschließen. Also halte ich Abstand und trage einen Mundschutz. Wo ist das Problem? Außerdem nutze ich alles mir zur Verfügung stehende Wissen, um für mich und mein Umfeld weiter zu kommen. 

Damit komme ich zu den positiven Resultaten:

Natürlich aktiviert ein Lock-Down Ressourcen. Möglicherweise begünstigt er die Energie-Wende. Das wäre ein enormer Gewinn. Möglicherweise verändert sich das CO2-lastige Reise-Verhalten, Pop-up Radwege gibt es schon, in unserer Region ist es seit Mitte März zu keinem Wetter-Extrem gekommen...

Ich habe entdeckt, dass ich Freiräume auch dafür nutzen kann, mich online fortzubilden. Das Angebot hat sich natürlich enorm erweitert. Und da hatte ich Glück, auf einen hypno-systemischen Workshop zu stoßen, der mich aus vielen Gründen faszinieren konnte, aber vor allem den bemerkenswerten Vorzug vor anderen Anbietern hatte, in der Behandlung und Intervention einen ethischen Maßstab zu verfolgen. Ja, da ist mir nach langer Zeit ein Mensch begegnet, der sich dessen bewusst ist, dass er nur als Mensch Menschen helfen kann. Und dass es nicht um Macht geht im Leben, sondern dass es darum geht, sich in einer für das (individuelle) Leben sinnvollen Weise einzubringen.

Macht ist ein seelischer Schluckauf, der die Ressource der Empathie, des Mitfühlens und sozialen Empfindens behindert. Durch die fantastischen Ausführungen von Gunther Schmidt habe ich sehr viel für meine Arbeit gelernt, mir wurde aber auch erst wieder bewusst, warum ich Hildegard-Medizin und Hypno-Therapie in meiner Praxis miteinander verbinde. Und da dachte ich, das sollte ich mal deutlich sagen:

In der Hypnose werden die tiefen, un- bzw- vorbewussten autonomen Strukturen des Nervensystems angesprochen. Es ist die Welt der umfassenden Gefühle, der Bilder und Symbole, der Tabus und religiösen Vorstellungen. Es gibt einen physisch fassbaren Grund, warum der Mensch sein Leben in einer sowohl endlichen als auch ewigen Dimension wahrnimmt: die Welt des Bewusstseins reflektiert auf das eigene Ende, während das autonome System diese Grenze nicht kennt. Es erfährt lediglich die Unendlichkeit und unendliche Verfügbarkeit der Impulse. Die Autonomie des Herzschlags wird durch den Tod des Individuums, in dem das Herz schlägt, nicht begrenzt, sonst wäre eine Verpflanzung nicht möglich. Damit bildet das autonome Unbewusste ein unbegrenztes Reservoir an Möglichkeiten, dem erst durch das Bewusstsein eine Grenze gesetzt wird.

Das Mittelalter hatte mit der Perspektive auf die Erlösung der Menschheit eine geschichtliche Vision, die in der Lage war, diese Seelenkräfte zu mobilisieren und zu bündeln. Es konnte nur deshalb so dauerhaft erfolgreich sein, weil dieses Konzept der inneren Dynamik des Menschen entspricht. Es ist aber noch kein ganzheitliches Konzept, sondern ebenso einseitig wie die heutige Dominanz des Intellekts, die den Ewigkeitsaspekt des Daseins als Illusion hinter sich lässt. 

Beide Kräfte sollten sich sinnvoll verbinden, um das Leben zur Entfaltung zu bringen. Hier bildet die Hypno-Therapie einen Weg, beide Anteile in einen Austausch zu bringen. Milton Erickson war ein bedeutender Pionier auf dem Gebiet der Entwicklung von Kommunikationstechniken mithilfe hypnotischer Interventionen. Gunther Schmidt, ein Schüler Ericksons und Direktor des Heidelberger Milton-Erickson-Instituts, hat diesen Ansatz mit Techniken aus der systemischen Therapie verbunden. 

Ich nutze in meiner Praxis mittelalterliches Heilwissen, da es unmittelbar auf die autonomen Strukturen einwirkt und damit in der Lage ist, den Boden für therapeutische Interventionen vorzubereiten. Der Organismus fasst nämlich Vertrauen, wenn ihn plötzlich ein Impuls erreicht, den er autonom umsetzen kann. Das alte in den Rezepturen, Kräutermischungen, Elixieren aufgehobene Wissen trägt dieselbe Signatur der autonomen Orientierung, die auch das Unbewusste als seine herausragende, sozusagen intuitive Fähigkeit auszeichnet. 

Die Heilkunde nach Hildegard von Bingen scheint mir hier besonders geeignet. Ihre Wirkung habe ich schon oft in der Praxis beobachten können. Ein Beispiel ist mir besonders im Gedächtnis: wie ein Patient, der seit dreißig Jahren Drehtür-Patient in allen verfügbaren psychiatrischen Einrichtungen des Umkreises war, zitternd vor mir am Tisch saß, ein körperliches und seelisches Wrack, und ich in meiner Not, irgendetwas tun zu müssen, beim Zittern ansetzte und den Nacken geschröpft habe. Danach habe ich ihn nie wieder zitternd gesehen und ein halbes Jahr lang begleitet. In dieser Zeit ist er in seine Wohnung zurück gekehrt, hat wieder selbst eingekauft, für sich gesorgt und am Leben teilgenommen. Er hatte seine Autonomie und seine Würde zurück. Und das einzige, was ich dazu beigetragen habe, war es, mithilfe alter Techniken seine Autonomie aus dem psychopharmaka-induzierten Tiefschlaf zu wecken.